Wortbesinnung

Seit langem schon interessiere ich mich für die eigentliche Idee eines Wortes. Für den reinen Begriff. Was ist das, die Idee eines Wortes?

Dorthin will ich gelangen!

Was bleibt übrig, wenn man das Wort aus all seinen emotionalen Hüllen und vormaligen Bedeutungen schält, die wir ihm im täglichen Sprachgebrauch für gewöhnlich als Mäntel umhängen? Findet man dort das reine Wort?

So wandert das Wort verkleidet und ungesehen durch unseren Sprachgebrauch. Was für ein trauriges Dasein!

Lauter kleine Aschenputtelworte, die uns nur noch dazu dienen, uns gegenseitig Emotionswesen hin und her zu schieben. Viel mehr Inhalt als Sympathiebekundungen und Antipathiebekundungen oder etwas auf der Skala dazwischen ist selten, oder etwa nicht?

Das sind bestenfalls besinnungslose Worte.

Bestimmungslos umherirrende Worte, in viel zu großen grauen “gefällt-mir-gefällt-mir-nicht-Mänteln“…

.

Bin dann mal Worte schälen,

bis auf den Kern… 😉

 

23 Gedanken zu “Wortbesinnung

  1. Dein Vorhaben finde ich wertvoll, weil es uns zu unserer Ursprache führen kann, die es einmal gegeben haben mag, als auch die Worte noch nicht Fleisch geworden waren, das heißt, sich in materielle Formen ergossen, lange also bevor sie babylonisch sich verfransten, eine Entwicklung, die wohl sein musste, damit uns die wahre Bedeutung des Wortes wieder bewusst werden kann; in diesem Zusammenhang steht ja Dein Post.
    Alle Dinge entstehen im Geist, heißt es im Dhammapada. Dahin führt uns das Suchen nach dem Geist in allen Buchstaben. Und auch wenn wir den Weg bis zu diesem Urbeginn nur ansatzweise gehen können, lässt es uns doch wieder bewusst werden, wie wertvoll das Wort ist und dass wir in einer Zeit leben, die wie nie zuvor Worte entwertet, denn noch nie wohl waren so viele geistlose oder geistverzerrende Worte tagtäglich unterwegs per Mail, Facebook, Twitter . . .
    Ich glaube, wir helfen den Menschen und uns am allermeisten, wenn wir wieder bei unseren Worten an ihren Wert denken und dass in ihnen und unter uns das wahre Wort wohnen will („Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“). – Deshalb finde ich Deine Wortbesinnung wichtig und mache beim Worteschälen mit 🙂

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  2. Wörter, nicht Worte, haben keinen Kern. Sie sind eine Erfindung von Sprechenden, die zur Konvention geworden ist, gleichförmig oder unterschiedlich benutzt wird, grafisch eingefangen, aufgeblasen mit gasförmigem, flüchtigem Scheinsinn, vergessen und wiederbelebt, mit neuem Scheinsinn aufgeladen und so weiter. Zudem sind sie Teil des Kommunikations- und Selbstvergewisserungssystems Sprache, in dem jedem Wort eine Funktion zugewiesen wird. Ein Wort als Begriff hat keine eigenständige Substanz.

    Worte dagegen sind das Ergebnis eines Wortschaffenden, und sie bestehen aus einem Haufen von Wörtern. Worte, nicht Wörter, sind das Ergebnis von Gedankenoperationen und man kann versuchen, in diesem Haufen von Wörtern, die man Worte nennt, so etwas wie einen Kern zu finden. Manchmal gelingt das, aber oft gelingt es nicht. und Worte erscheinen uns ebenso arbiträr wie Wörter.

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    • „Ein Wort als Begriff hat keine eigene Substanz“ meinst du das geschriebene Wort oder das gesprochene? Oder beides? Wer oder was gibt ihm Substanz, wenn es aus sich selbst heraus keine hat? Der Gedanke? Der denkende? Also als Erfinder würde ich mich als den Wortgebrauchenden vielleicht nicht gerade bezeichnen, denn die Wörter waren schon vor mir da – aber eine Funktion oder Beziehung Innerhalb des Geflechtes aus Wörtern, vergeben wir auf jeden Fall. Wie meinst du das mit dem Scheinsinn?

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      • Das geschriebene Wort ist das eingefangene gesprochene sprachliche Zeichen, seine graphische Form. Beide, das primäre gesprochene und das sekundäre geschriebene Wort, werden durch Gebrauch immer wieder neu temporär mit Inhalt aufgeladen, der ihnen anhaftet, aber sie nur scheinbar formt. Wäre es nicht so, hätten Wörter eine interne Substanz, wären sie nicht nur Abbild menschlicher Gedanken über sich selbst und ihre Lebenswelt, gäbe es weder Sprachwandel noch unterschiedliche Sprachen.

        Die Wörter, die Sprachen sind nicht wie Früchte auf Bäumen gewachsen und auch nicht wie diese aus der Erde. Menschliche Wesen wie wir haben sie als Verständigungsmittel erfunden, nachdem die Evolution die Voraussetzungen für Sprachwerkzeuge geschaffen hatte.

        Mit Scheinsinn meine ich, daß Wörter und Sätze uns nicht selten eine Bedeutung vorgaukeln, die ihnen nicht innewohnt. Richtiger gesagt: Mit Wörtern und Sätzen wird uns von einem Sprecher oder Schreiber etwas vorgegaukelt. Als Beispiele mögen das Wort „Sinn“ gelten oder die Sätze „Die Worte sollen nicht büßen für die Sprecher“ respektive „In der Metapher ist die ganze Freiheit“. Freiheit zum Scheinsinn, Unsinn, Wahnsinn. Wörter, Worte und Sprachen ermöglichen vieles …

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  3. Die Worte sollen nicht büßen für die Sprecher. Deren Besinnungslosigkeit mag sich mal als Entkernung äußern, mal als Entäußerung enthüllen. Das Wort hingegen hüllt sich in Kerne, umschließt Äußeres und verunmöglicht den Sprechern ihre orientierten Flachheiten.

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  4. Ganz schöne Gedanken! 😀 Die Frage, die sich mir hier stellt ist die: Was ist eigentlich ein Wort? Und damit verknüpft: Was ist Sprache? Linguisten führen gerne mal dieses simple Experiment durch, um zu verdeutlichen, dass Wörter immer mit persönlichen Konnotationen verknüpft sind: man lasse mehrere Leute, jeder für sich alleine, einen Baum zeichnen und vergleiche dann die Bilder. Keins wird aussehen wie das andere und das liegt nicht an den unterschiedlichen Zeichenkünsten. Selbst die grössten Künstler würden alle einen ganz anderen Baum zeichnen. Beim Vergleich stellt sich dann sofort die Frage, was denn eigentlich dieses Wort bedeutet. Was ist ein Baum? Es gibt den echten, realen Baum, den sogenannten Referenten, den wir mit diesem Wort benennen. Konkret ist das also der Apfelbaum, der draussen im Garten steht. Dann gibt es aber noch die unzähligen Bäume, die wir denken, wenn wir das Wort „Baum“ lesen oder hören. Grosse Bäume, kleine Bäume, kahle Bäume, schneebedeckte Bäume usw. Diese haben mit dem Referenten oft nur sehr wenig zu tun. Erst indem wir es denken, bekommt ein Wort seine Bedeutung. Losgelöst von alledem ist es nichts als eine Aneinanderreihung von Silben und Buchstaben/Lauten. Man könnte also sagen, ein Wort hat so viele Kerne wie es Menschen gibt, die es denken 😉

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    • Eine gute Frage – was das Wort eigentlich ist. Und eine tolle Antwort! Danke! Ja, wir finden alle unsere eigene Ansicht eines Baumes, wenn wir ihn beschreiben oder zeichnen sollten und es gibt soviele Ausformungen, wie es Denker gibt – da kann ich dir voll und ganz zustimmen! Aber schöpfen wir nicht dennoch aus der ein und selben Idee, die wir in jedem Baum erkennen?
      Bemerkenswert finde ich den Satz: „Erst indem wir es denken, bekommt ein Wort seine Bedeutung.“ Das scheint mir wahr zu sein – und darauf will ich eigentlich hinaus mit dem Ganzen. Ein Wort braucht wohl einen Gedankeninhalt. Dann ist es nicht leer, kein bloßer Emotionstransporter mehr; es kann dann für sich stehen, frei von unserer Zuneigung oder Abneigung… 😊

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      • Ja, da hast du recht! Gedankeninhalt – das gefällt mir 😊 Wir gehen tatsächlich oft gedankenlos mit Wörtern um und dann werden sie zu leeren Worthülsen, die eigentlich wirklich kaum was bedeuten, dabei können sie so viel mehr. Ein Wort kann ja sogar „bedeutungsschwanger“ sein, nicht? Was für ein Gedankenbaby kommt da wohl am Ende raus? Eine neue Wortschöpfung, etwas bisher noch gar nicht Gedachtes? 😅 Fragen über Fragen …

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  5. Was mich am reinen Wort, seinem An-Sich bewegt, ist seine Demut und Schlichtheit, mit der es uns wirklich und immer so begegnet, als sei es das erste Mal – und es uns als das erste Mal von allem erleben lässt. Wesen eines Wortes, das vergleichslos und Vergelichslosigkeit ist.
    Danke für den Impuls, Simone.
    Liebe Grüße
    Guido

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  6. War auch nur ein augenzwinkernder Scherz von mir, wie du vielleicht erkannt hast. Ich bin oft froh, dass ich nicht alles sehen muss .. Wär wohl bei dir eine Augenschmaus gewesen, aber bei anderen eher eine Beleidigung meiner Augen .. LG PP

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